Diese Reise muss Eindruck gemacht haben. Im August 2025 besuchte Ralf Havelka mit einer Delegation um den ersten Bürgermeister der Stadt Murnau, Rolf Beuting, die ukrainische Stadt Lemberg (Lwiw). Mit ihren über 700 000 Einwohnern ist sie eine der wichtigsten Zentren der Westukraine. Havelka, Schulleiter der Realschule im Blauen Land, traf auf eine stark prowestlich gesinnte Bevölkerung, auf eine moderne Stadtarchitektur und ließ sich auf den Alltag der Ukrainer ein, die täglich mit Krieg konfrontiert sind. Im Blickpunkt: Schule und Bildung im Ausnahmezustand. „Die Schüler waren es gewohnt, mehrmals die Woche bei Luftalarm den Luftschutzbunker aufzusuchen.“ Jede Schule sei dazu unterkellert, um der Schulfamilie Schutz zu bieten.

Wie es zur Idee des Schüleraustausches kam

Während Havelkas Aufenthalt kam es zu keinem Alarm, wohl aber zu Annäherungen mit der Leitung der besuchten Schule. Schnell wurde die Idee eines Schüleraustausches geboren, die nun – nach monatelanger Planung – in die Praxis umgesetzt wird. Vom 19. bis zum 27. April besuchen 14 Schülerinnen und Schüler, betreut durch zwei ukrainische Lehrkräfte, die Realschule im Blauen Land. Dabei werden die Gäste bei Mitgliedern der Murnauer Schulfamilie untergebracht, dort u.a. betreut, wobei sich die Schule auch ein Programm ausgedacht hat. U.a. eine Exkursion nach München, einen bunten Abend, eine Stippvisite im Murnauer Rathaus – und, das war Havelka wichtig, ein Besuch des Unterrichts an seiner Realschule.

„Bei der Auswahl der Gastschüler haben wir vor allem darauf geachtet, dass sie gut Deutsch sprechen“, gesteht Betreuungslehrerin Lezia Vlizlo, die beim offiziellen Empfang an der Realschule im Blauen Land zusammen mit ihrer Kollegin Uliana Melnik keine Kommunikation auf Deutsch scheut. Die Sprache werde pragmatisch und über viele Jahrgangsstufen hinweg an ihrer Schule unterrichtet. Auch die Schüler, die am ersten Tag noch etwas Berührungsängste hatten, ihren Lehrkräften den Vortritt lassen, suchen später den Kontakt mit ihren Tandemschülern und dann auch die Gespräche und den Austausch mit anderen – auf dem Schulhof, in den Gängen oder auch im Klassenzimmer.

Schulleiter Ralf Havelka bei seiner ersten Ansprache vor ukrainischen SchülerInnen in der Aula der Realschule im Blauen Land Foto: Bräu

Rotary Club Murnau-Oberammergau als Partner

„Das sind genau die Erfahrungen, die wir den Kindern auf beiden Seiten ermöglichen wollen“, betont Mathias Warlich, Präsident des Rotary Clubs Murnau-Oberammergau, der der Schule als Partner zur Verfügung stellt und den Schüleraustausches u.a. finanziell unterstützt. „Gerade in dieser herausfordernden Situation für die Ukraine sollten wir den Kontakt suchen, um uns gegenseitig besser zu verstehen.“ Genau für diese Verständigung über Grenzen hinweg stehe der in den USA gegründete Rotary Club.

Erstmal eine „einseitige“ Angelegenheit

Eines war aber auch Havelka klar, als er dieses Projekt  mit seiner Schulfamilie in Angriff nahm: Dieser Austausch wird eine einseitige Angelegenheit bleiben. „Wir können aufgrund der angespannten Lage in der Ukraine keinen Gegenbesuch planen.“ Erst ein Ende des Krieges würde das ermöglichen. Bis dahin seien die beteiligten Schüler allerdings schon den Schulalter entflohen. „Viel Hoffnung, dass sich die Situation bald ändert, habe ich nicht.“

Für viele ukrainische Schülerinnen und Schüler ist es das erste Mal überhaupt, dass sie Deutschland besuchen. „Einige haben Väter, die auch an der Front kämpfen“, bestätigt Lehrerin Vlizlo. Eine Situation, die man sich hierzulande kaum vorstellen kann, die aber gerade in der Kommunikation mit den Gastschülerinnen und -schülern kaum Thema ist. Man ist neugierig aufeinander, plant gemeinsame Aktivitäten in der freien Zeit, teilt Interessen. Auch das macht Eindruck beim Schulleiter Havelka, dessen Idee aus dem Sommer 2025 Realität geworden ist.

(Hannes Bräu)