Als Direktorin Kühn auf die Bühne kommt, herrscht in der Aula plötzlich Stille. Ein bestimmender Ton erfüllt das Publikum und den Rest der Schauspieler. Sie ist es, die für Ordnung sorgen will und auch dafür, dass die Kinder Ida, Marie, Sophie, Romina, Apolonia, Chloé, Isabella und Mia wieder auf den rechten Weg kommen – weg von den Träumen hin zur Realität. So mancher im Saal wird sich an seine eigene Schulrealität erinnert haben, andere wurde der Spiegel vorgehalten und jene, die aktuell SchülerInnen sind, haben wohl gedacht: Genau so läuft es gerade. Vor allem aus inhaltlicher Sicht hatte das Theaterstück „Ein Koffer voll Fantasie“, das die Theatergruppe der Realschule Murnau unter Leitung von Betreuungslehrerin Nadine Eisenmann 2026 auf die Bühne brachte, ganz schön viel Tiefgang und vor allem Schülerbezug, obwohl die eigentliche Dramaturgie des Stücks keine große Komplexität aufwies.
Gelungene Schauspieleinlagen der SchülerInnen im Fokus
Und genau das war es, was am Ende alle Zuschauer die Handlung nachvollziehen ließ und dazu führte, dass auch der Fokus ganz klar auf die schauspielerische Leistung der Kinder gelenkt war. Neben Direktorin Kühn, grandios gespielt von Mona Wolz, überzeugte auch der Lehrer Becker. Daniel Bracker gelang es, diese Figur auf der einen Seite wie einen Vertreter des Establishments darzustellen, der allerdings selber an seiner Rolle zweifelt, ein wenig hilflos wirkt, als er die Marschroute seines „Systems“ Schule und die der Direktorin vertreten muss. Im Laufe des Stücks erlebt er auch eine Verwandlung: Weg vom „Lehrer“ seiner Schüler hin zum Anwalt für das „richtige“ Lernen mit viel Fantasie und Freiheiten. Bildung gibt es eben nicht nur in Büchern.



Fantasiewesen sorgen für die Dramaturgie
Genau diese Weisheit wollen vor allem die „Kinder“ ihren Eltern und auch ihren Lehrern beibringen. Am Ende geht auch noch die Tochter der Direktorin (gespielt von Ikra Patiron) auf ihrer Suche nach den Fantasiewesen verloren und die gemeinsame Anstrengung, sie wieder zu finden, vereint SchülerInnen und Erwachsene. Zwischendurch treten die Fantasiewesen auf, die nacheinander von gelungen Off-Ton-Einlagen vorgestellt werden und die eigentliche Dramaturgie des Stücks vorantreiben. Sie sind es, die den Konflikt zwischen Realität und Anspruch von Schule am besten darstellen und zunächst nur den SchülerInnen klarmachen können, die sofort überzeugt sind: Schule kann auch anders. Weniger lineares, gleiches Lernen, weniger Bücher mehr Fantasie, mehr Freiheit, mehr Eigeninitiative.
Auch die Eltern stehen letztlich an der Seite ihrer Sprösslinge
Auch die Eltern kommen bei diesem Stück nicht zu kurz. Frau (Ronja Guggemoos) und Herr (Benno Walch) Fielmann hadern zunächst mit den Fantasiewesen und den Vorstellungen der SchülerInnen, die so gar nicht mit ihrer Lebenswelt vereinbar sind, die eher Leistung und Fortschritt im Auge haben, sich um die Zukunft ihrer Kinder sorgen. Nach und nach aber sind es sie, die sich aus der Verzweiflung heraus auf die Seite ihrer Sprösslinge stellen, auch wenn es ihnen schwerfällt.
Viel Arbeit, die sich gelohnt hat
Aufmerksam verdiente am Ende auch der Rahmen, in dem die Aufführung stattfand. Die Kinder hatten zusammen mit Betreuungslehrerin Nadine Eisenmann nicht nur Monate damit verbracht, auch mit Hilfe von künstlicher Intelligenz ein stringentes, unterhaltsames und lehrreiches Stück zu kreieren, einzuüben und am Ende aufzuführen, sondern auch dafür gesorgt, dass ein abwechslungsreiches Bühnenbild entstand, dass mittels professioneller Tontechnik die Zuschauer richtig mitfiebern ließ. Dahinter steckt Arbeit. Viel Arbeit, die mit zwei Stunden Wahlfach am Nachmittag von allen Seiten kaum zu bewältigen ist und viel Extrazeit in Anspruch nimmt und auch externe Hilfe, etwa von Kunstlehrerin Ann-Sophie Rexer, die die Ideen der Kinder für die Kulisse auf die Bühne brachte.


Kritik am System, die bleibt
All das hat sich am Ende wirklich gelohnt und wurde mit entsprechend großem Applaus gewürdigt. Auch wenn das Stück nicht den Anspruch hatte, nach Brecht wie ein episches Theater beim Zuschauer für eine kritische Distanz zu sorgen, damit er „verändert“ aus der Vorstellung geht, so wird der ein oder andere Erwachsene und sicher auch einige anwesende Lehrkräfte mit einem Schmunzeln oder einem nachdenklichen Gesicht die Aula der Realschule Murnau verlassen haben. Denn hier wurde tatsächlich ein wenig Gesellschaftskritik geübt und auch das System Schule in seiner aktuellen Ausrichtung, hin zu mehr Deutsch, Mathematik, Naturwissenschaften und weg von Kunst, Sport und Musik, kritisiert.

(Text und Fotos: Hannes Bräu)